Internat : Roman

Zhadan, Serhij, 2018
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Medienart Buch
ISBN 978-3-518-42805-4
Beteiligte Personen Durkot, Juri Wikipedia
Beteiligte Personen Stöhr, Sabine Wikipedia
Systematik DR - Belletristik
Verlag Suhrkamp
Ort Berlin
Jahr 2018
Umfang 300 S.
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Serhij Zhadan. Aus dem Ukrain. von Juri Durkot und Sabine Stöhr
Annotation Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html);
Autor: Ursula Pirker;
Nachdenklich machender Roman über den aktuellen kriegerischen Konflikt in der Ukraine. (DR)
Pascha ist ein junger Lehrer in einer Schule in der Ostukraine. Die Kampfhandlungen zwischen Russen und Ukrainern rücken seinem Wohnort immer näher und das Internat, in dem sein Neffe lebt, ist inzwischen direkt an der Frontlinie und nicht mehr sicher. Pascha beschließt daher, seinen Neffen, der an Epilepsie leidet, wieder zurückzuholen, damit er in Sicherheit ist. Dieses Unterfangen hätte vor ein paar Monaten nur wenige Stunden gedauert, die politische Situation ist jedoch bereits so eskaliert, dass der Weg zum Internat und retour zu einem Kampf ums nackte Überleben wird. Pascha und "der Junge" müssen sich in stinkenden dunklen Kellern verstecken, sich an fremden Feuern notdürftig wärmen und sich aufmerksam an Soldaten der Gegenseite vorbeischleichen. Oft hilft ihnen dabei nur der Zufall, manchmal helfen sie sich aber auch gegenseitig. Nach zwei schier unendlich wirkenden Tagen erreichen die beiden tatsächlich das rettende Heim. Äußerlich überwiegend unversehrt, sind sie innerlich ausgebrannt, geschockt und um vieles gealtert. Nicht nur für sie, sondern auch für die LeserInnen ist es kaum zu glauben, dass nur wenige Kilometer zwischen diesen konträren Welten liegen. Der Autor bringt dies mit seinem Schlusssatz auf den Punkt: "Zu Hause riecht es nach frischen Bettlaken".
Ein fesselndes Buch, das die LeserInnen nachdenklich zurücklässt. Die geschilderten Vorgänge spielen nicht im Ersten oder Zweiten Weltkrieg, sondern sind hochaktuell in einem Land, das nicht weit von unserer Grenze entfernt ist. Da die kriegerischen Konflikte in der Ostukraine nicht mehr im Zentrum des medialen Interesses stehen, ist es umso wichtiger, dass Romane wie dieser dazu anregen, sich laufend zu informieren. Sehr empfehlenswert für Bibliotheken, auch für die Abteilungen Geschichte, Politik und Geografie.

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Quelle: LHW.Lesen.Hören.Wissen (http://www.provinz.bz.it/kulturabteilung/bibliotheken/320.asp);
Autor: Markus Fritz;
Der Roman spielt in der Ostukraine während des Bürgerkriegs. Pascha, ein junger Lehrer, muss im Auftrag seines Vaters seinen Neffen aus einem Internat nach Hause holen. Der Krieg kommt gefährlich nahe, er ist im Internat nicht mehr sicher. Pascha ist etwas übergewichtig und vom Leben ernüchtert. Für Politik interessiert er sich nicht. Er ignoriert seit Wochen die Geschehnisse. Sein Haus, das er mit seinem alten Vater und seiner Schwester bewohnt, ist beinahe eingeschneit, als im Fernsehen immer häufiger Bilder von Panzern und Armeen zu sehen sind. An einem Januarmorgen macht er sich auf den Weg. Die Straßen sind wie ausgestorben, aus der Ferne hört man Gefechtslärm. Es ist eine Reise durch ein zerstörtes Land, wo jeder jedem misstraut, wo man nicht unterscheiden kann, wer zu welcher Gruppe gehört. Schon bald gerät er in eine Kontrolle. An der Straßensperre muss er den Bus verlassen. Er wird zu einem Hotel gebracht, wo sich Milizen verschanzt haben. Die Stadt, zu der er unterwegs ist, wurde offenkundig von "den Neuen", wie die russischen Besatzer genannt werden, eingekesselt und zurückerobert. Aber der Verlauf der Front ist unübersichtlich und kann sich stündlich ändern. Immer besteht die Gefahr, in die falschen Hände zu geraten. So wird die Fahrt von Pascha zu einer Odyssee, per Taxi und zu Fuß ist er unterwegs, immer wieder gerät er zwischen die Kampflinien. Zu Beginn des Romans ist der Lehrer einer, der sich nicht einmischt. In den drei Tagen der Odyssee gewinnt er an Selbstvertrauen und es gelingt ihm, den Neffen nach Hause zu holen.
Der Autor schildert in eindringlichen und grellen Bildern und mit einem großen Gespür für Poesie ein geschundenes, zerstörtes Land, in dem zutiefst verstörte und verunsicherte Menschen leben, die zum Spielball der sich bekämpfenden Gruppen werden. Die Soldaten reagieren oft willkürlich, der Tod lauert überall. Die poetische Sprache scheint ein Gegenstück zur brutalen Realität zu sein. Für geübte Leser/innen und daher eher für große Bibliotheken geeignet.

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Quelle: Pool Feuilleton;
Die Dramaturgie der Hölle besteht darin, dass es keine Handlung gibt, nur flächendeckendes Kriegsfeuer, das jederzeit an allen Stellen der Stadt ausbrechen kann.
Serhij Zhadan versetzt seinen Helden Pascha in eine ostukrainische Stadt, die halb verwüstet im Not-Modus mehr vegetiert als funktioniert. Geschildert werden drei Tage, die aber eher als symbolische Zeitangabe zu sehen sind. Die Schöpfung wurde ja seinerzeit in sieben Tagen aufgebaut und zerfällt apokalyptisch in drei Tagen.
Pascha ist Lehrer, der wegen einer verkrüppelten Hand nicht an den Kämpfen teilnehmen kann. Er wüsste auch nicht wo und auf welcher Seite, ab und zu trifft er ehemalige Schüler, die mal hier, mal dort, kämpfen. Angeblich steht eine Allround-Offensive bevor, weshalb er seinen Neffen Sascha am anderen Ende der Stadt aus dem Internat heimholen soll. Heimholen ist ein schöner Begriff aus der Vergangenheit, denn in der Gegenwart ist alles zerschossen und aufgebrochen, was Geborgenheit geben könnte.
Auf seiner Expedition kommt Sascha über den kaputten Bahnhof mit Hilfe von Harakiri-Taxifahrern und im Zickzack-Lauf allmählich zum Internat. Die Fronten wechseln stündlich, Ausweise gelten oder auch nicht, eine Auskunft kann glaubwürdig sein oder eine Falle.
Das Internat ist bereits schwer angeschlagen, die Kids und ein paar Erwachsenen versuchen zu überleben, an einen Unterricht ist nicht mehr zu denken. Makaber wirkt die zerschossene Bibliothek als Bildungseinrichtung. Bei ihrer Sprengung ist niemand zu Schaden gekommen, weil die Kinder nicht gerne lesen und glücklicherweise in der Küche gewesen sind. Nicht-Lesen kann also auch in dieser Situation das Leben retten! (107)
Sascha und Pascha sitzen einen Tag lang im Internat fest, ehe jemand eine Ausbruchstour organisiert, der sie sich anschließen. Am "dritten Tag" also macht sich der Lehrer wieder mit seinem geretteten Neffen auf den Weg nach Hause. Freilich rettet ihm der Junge an manchen Ecken und Enden das Leben, weil es in dieser Welt nicht mehr auf Wissen, sondern auf Instinkte drauf ankommt. Und Überlebensinstinkte haben alle diese Kids, wenn sie es bislang überlebt haben
Zwischendurch wird ein angeschossener Soldat zu einem Arzt gebracht, dieser operiert bereits ohne Handschuhe und wischt zwischendurch Nachrichten vom Tablet, auf dessen Display blutige Wisch-Koordinaten durchschimmern. Am Abend schließlich tauchen die beiden zu Hause auf, wobei den letzten Teil bereits der Junge als Icherzähler übernimmt. Das Leben geht hoffentlich weiter, solange jemand in Ichform erzählt. Tatsächlich läuft zu Hause der Fernseher wie am Beginn der Reise, der Fernseher gilt als das ewige Licht in untergegangenen Gegenden.
Serhij Zhadan erzählt furios von Krieg, Chaos und Auflösung jeglicher Ordnung. Die einzelnen Partikel sind schön devastierte Gebilde. Alles, was in der Sowjetunion hässlich konstruiert worden ist, ist nach der Zerstörung beinahe schön, als Zeichen kompletter Dekonstruktion. Das Internat ist ein Dauerzustand ohne Weiterentwicklung, Programm oder Grenzen. Überall, wo das Auge hinschaut, ist Internat. Und das Verrückte an diesem Roman ist, dass er auch in sogenannten heilen Gegenden wirkt. Schau mit dem Internatsblick auf deine Straße, und schon siehst du das kaputte Gerippe, auf dem unsere Städte aufgebaut sind!
Helmuth Schönauer

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